15. Juli 1928: 3. Großer Preis von Deutschland

Der III. Große Preis von Deutschland fand am 15. Juli 1928 auf dem Nürburgring, bestehend aus Nord- und Südschleife, statt. Das Rennen führte über 18 Runden à 28,265 km, was einer Gesamtdistanz von 508,77 km entsprach. Ca. 90.000 Besucher kamen in die Eifel um das Rennen zu sehen.

Großer Preis von Deutschland für Sportwagen auf dem Nürburgring, 15. Juli 1928. Mercedes-Benz Typ SS - vor dem Rennen bei der Wagenabnahme.
Die großen Mercedes-Benz Typ SS vor dem Rennen bei der Wagenabnahme

In der Klasse der Gruppe-1-Sportwagen (über 3-Liter) dominierten die weißen Elefanten, die Werks Mercedes SS, von denen vier antraten. Nur Bentley versuchte in dieser Klasse mit dem Modell, dass die 24h von Le Mans gewonnen hatte, dagegenzuhalten. Ohne Kompressor mit nur ca. 125 PS und einer üppigen Leibesfülle von gut 2.000 Kg war der Wagen gegen die Mercedes Sportwagen chancenlos. Zu erkennen war die Klasse über drei Liter an der schwarzen "Binde" quer über die Motorhaube. In drei Gruppen rollten 41 Sportwagen bei brütender Hitze an den Start. 

Großer Preis von Deutschland für Sportwagen auf dem Nürburgring, 15. Juli 1928. Startvorbereiten - Wertungsgruppe III über 750 - 1500 ccm. Startnummer 38 - der Bugatti (weiss) des I. H. Kersting (Bremen).
Startvorbereiten am weißen Bugatti des Bremers I. H. Kersting (#38). 

Ettore Bugatti war mit vier Werkswagen an den Ring gekommen. Er kam jedoch mit Grand-Prix-Wagen, die zuvor mit Kotflügeln und Scheinwerfern ausgestattet wurden, damit sie dem Reglement für Sportwagenrennen entsprachen, als das der Große Preis von Deutschland ausgeschrieben war. Die Bugattis waren mit ihren kleineren, hochdrehenden Motoren den Mercedes Rennwagen in Sachen Endgeschwindigkeit sicherlich überlegen. Sie erreichten bis zu 190 km/h, Mercedes nur etwa 175 km/h. Doch würden die Wagen, die in Wertungsgruppe II, 1.500 ccm bis 3.000 ccm, starteten, diesen Vorteil auch in der Eifel nutzen können?

Großer Preis von Deutschland für Sportwagen auf dem Nürburgring, 15. Juli 1928. Eckart Graf von Kalnein (Startnummer 10) mit einem Bugatti.
Eckart Graf von Kalnein (#10) mit einem Bugatti.
Großer Preis von Deutschland für Sportwagen auf dem Nürburgring, 15. Juli 1928. Boxenstopp - Schnellwagenheber im Einsatz für den Reifenwechsel. Ernst Carstens (Startnummer 2) auf Mercedes-Benz Typ SS.
Boxenstopp: Schnellwagenheber im Einsatz für den Reifenwechsel. Ernst Carstens (#2) auf Mercedes-Benz Typ SS.

Im Runde 2 kam Willy Walb, einer der Mercedes Werksfahrer, von der Stecke ab, blieb aber glücklicherweise unverletzt. So konnte er in Runde 9 den Wagen von Christian Werner übernehmen, weiter am Rennen teilnehmen und es auf Rang drei liegend beenden. Christian Werner hatte sich zuvor bei dem Überfahren einer Bodenwelle am Lenker den Arm ausgekugelt. Doch damit war für Werner das Rennen noch nicht zu Ende. Rudolf Carracciola muste an der Spitze liegend das Rennen aufgeben. Die Belastung den schweren Wagen von einer Kurve zur anderen zu reißen war in der Hitze des Tages zu viel. Carracciola erlitt einen Hitzschlag. Alfred Neubauer, Rennleiter bei Mercedes-Benz, bekniete Werner den Wagen von "Karratsch" zu übernehmen, möglicherweise auch im Hinblick auf die für den Sieg ausgeschriebene Summe von 18.000 RM. Damals war es noch üblich, dass Fahrer in einem Rennen durchaus auf verschiedenen Wagen eingesetzt wurden. Ein Eimer kaltes Wasser, Bandagen und ein wilder Mix aus Zitrone, Kaffee, Ei, Zucker, Dessertwein und anderer Zutaten – alles andere als das, was man heutzutage als Sportlernahrung bezeichnet – hatte, laut Neubauer, Christian Werner wieder auf die Beine gestellt.

In den letzten Runden des Rennens lag Werner auf Platz 2. Mercedes-Benz-Teamkollege Otto Merz lag in Führung. Der Triumph von Mercedes-Benz war sicher. Die ersten drei Plätze waren fest in der Hand der Marke aus Stuttgart. Doch Werner ließ es nicht darauf beruhen und jagte Merz. Merz kam in der letzten Runde bei Breitscheid von der Strecke ab und beschädigte einen seiner Reifen. Werner ließ dies nicht ungenutzt, übernahm die Spitze und ging als erster über die Ziellinie. Carracciola beendete das Rennen "nur" als Beifahrer, der zu dieser Zeit noch vorgeschrieben war.

Zur ersten schweren Tragödie kam es in Runde 4: Ernst von Halle kommt mit seinem 1.100er Amilcar von der Stecke ab und überschlägt sich. Zunächst heiß es, dass die dort erlitteten Verletzungen nur leicht sein – eine Fehlmeldung! Zwei Tage später erliegt von Halle seinen Verletzungen. Dennoch ist von Halle nicht der erste Tote in einem Rennen auf dem Ring. In Runde 8 stirbt Vincenz Junek in einem weiteren Unfall und ist auf der Stelle tot. Bei anderen Fahrern gingen deren Unfälle weniger tragisch aus: Paul Bischoff konnte unverletzt aus seinem brennenden Chiribiri rauskommen, Willy Seibel prallte gegen einen Felsen. Er und sein Beifahrer kamen mit Verbrennungen davon.

Großer Preis von Deutschland 1928: Startnummer 6 - Christian Werner (am Steuer) auf Mercedes-Benz Sportwagen Typ SS wird abgewunken und geht durchs Ziel.
Startnummer 6 - Christian Werner (am Steuer) auf Mercedes-Benz Sportwagen Typ SS wird abgewunken und geht durchs Ziel.

Gestartet waren 41 Wagen, davon kamen 10 ins Ziel. Ein souveränder Triumph für die Marke Mercedes-Benz, die mit ihren Wagen die ersten drei Plätze in der Gesamtwertung belegen konnte. Die Wagen mit den großen, niedrigdrehenden Motoren und der geringeren Höchstgeschwindigkeit hatten sich gegen die Modelle von Bugatti mit weniger Hubraum, höheren Drehzahlen und höherer Spitzengeschwindigkeit durchgesetzt. Doch nur auf Höchstgeschwindigkeit kam es auf dem Nürburgring auch damals nicht an. Auf der Eifel-Achterbahn konnten die großen Mercedes-Motoren mit ihrem hohen Drehmoment bei der Beschleunigung aus den vielen Kurven heraus eindeutig besser punkten. Bei Bugatti sorgte glühende Bremstrommeln und zusätzliche Standzeit and der Box, die für das Wechseln der Reifen benötigt wurde, für Verzögerung. Louis Chiron warf es auch dadurch auf den sechten Platz der Gesamtwertung zurück. Doch die Revance für Bugatti sollte schon im folgenden Jahr beim "Großen Preis der Nationen" folgen.

Das Fahrerteam Rudolf Caracciola / Christian Werner gewinnt auf einem Mercedes-Benz Typ SS. Direktor Ferdinand Porsche (rechts mit Hut).

 

  • Čeněk Junek und Ernst von Halle.

 


Fünf Mercedes-Benz Typ SS am Start. Wertungsgruppe I über 3000-ccm [schwarzer Querstreifen auf der Motorhaube]. Großer Preis von Deutschland für Sportwagen auf dem Nürburgring, 15. Juli 1928.)

Quellen:

Reuß, E.: Grand Prix – 70 Jahre Großer Preis von Deutschland, Motorbuch Verlag, 1997

Großer Preis von Deutschland 1928 – Wikipedia (aufgerufen am 2.1.2018)